Dialog der Generationen II
Viele alte Wunden sind noch nicht verheilt
Hochinteressanter „Dialog der Generationen“ im Homburger Stadtcafé
Bereits einen Tag nach seinem 16. Geburtstag wurde der ehemalige Homburger Dekan Siegfried Wagner, Jahrgang 1927, gezwungenermaßen zum Dienst als Flakhelfer eingezogen – ein Schicksal in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, das viele Gleichaltrige mit ihm teilten, so auch Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI.
Da staunten viele Zuhörer nicht schlecht, als Wagner – sichtlich bedrückt - erzählte, wie er nach Einsätzen in Saarbrücken, Neunkirchen und Rüsselsheim im Jahre 1944 zwei Monate lang Flakhelfer in Auschwitz war, um die Industrieanlage einer deutschen Firma vor feindlichen Bomberverbänden zu schützen. Dies geschah genau in der Zeit, als die jüdische Familie Frank mit ihren Töchtern Anne und Margot in Viehwaggons ins Vernichtungslager transportiert wurde. Dort hatte der Lagerkommandant Rudolf Höß den Plan gefasst, täglich 9 – 10 000 Juden fabrikmäßig zu vergasen. Das Vernichtungslager sei jedoch so gut abgeschirmt gewesen, dass die jungen Flakhelfer von den entsetzlichen Gräueltaten nichts mitbekamen.
All dies erfuhr man im Homburger Stadtcafé am Marktplatz beim zweiten „Dialog der Generationen“, zu dem die Seniorenbeauftragte Christel Steitz, Gabriele Schreck vom Amt für Jugend und Soziales, Karina Kloos von der Stadtbücherei, Ulla Feifel vom Freundeskreis Synagoge und Eberhard Jung vom Saarpfalz-Gymnasium eingeladen hatten. Der „Dialog“ ist eine Begleitveranstaltung zur Anne-Frank-Ausstellung, die im Juni im Homburger Forum stattfinden wird. Vier Zeitzeugen des Dritten Reiches berichteten vor Schülern des Saarpfalz-Gymnasiums und interessierten Erwachsenen von spannenden, aber auch sehr bedrückenden Ereignissen aus ihrer Kindheit und Jugend. Neben Dekan Wagner stellten sich drei weitere Homburger Mitbürger(innen) den vielen Fragen des aufmerksamen Publikums: Rosemarie Eckes, die seit ihrer Kindheit die Geschehnisse in ihrer Heimatstadt eifrig mitverfolgt, Frau Dr. Edith Lauer, Schwesternhelferin im Krieg und später langjährige praktische Ärztin in der Kaiserstraße, sowie Otto Bausch, der als Kind einer Schaustellerfamilie in den dreißiger Jahren über 250 Schulen (!) in ganz Deutschland besuchte und als „Zigeuner“ diskriminiert wurde.
Bei der regen Diskussion kam natürlich auch die Schulzeit in den beiden damaligen Homburger Gymnasien zur Sprache, des Weiteren der Umgang mit Juden in Homburg, die betrügerische NS-Propaganda, die Manipulation der Jugend, der Mythos Hitler – Realität und schöner Schein, schlimme Fronterfahrungen junger Soldaten, fragwürdiges und tatsächliches Heldentum, der Bombenkrieg in Homburg, das Leben in Bunkern, das Stauffenberg-Attentat, die Exekution von Widerstandskämpfern, Flüsterwitze, das Kriegsende („Wir glaubten bis zum Schluss an den Endsieg!“), das bittere Erwachen danach, das Problem der Verdrängung und die Lehren für die Zukunft.
Die Schüler(innen) der 7c des Saarpfalz-Gymnasiums, von ihrem Geschichtslehrer und Moderator des „Dialogs“, Eberhard Jung, gezielt auf das Thema und die Zeitzeugen eingestimmt, erkannten, dass diese ältere Generation um ihre Jugend betrogen worden ist und naiv und machtlos der totalitären Diktatur ausgeliefert war. Man merkte deutlich, dass viele alte Wunden heutzutage immer noch nicht verheilt sind. Lobenswert ist nicht nur das Engagement der Klasse, sich am schulfreien Samstagmorgen mit dem brisanten Thema der Vergangenheitsbewältigung auseinanderzusetzen, sondern auch ihr Einfühlungsvermögen und ihre enorme Wissbegierde, die sich in zahlreichen kompetenten Fragen ausdrückte. Ein vorbildlicher „Dialog der Generationen“, der aufwühlte, zum Nachdenken veranlasste und sicherlich bei allen Beteiligten bleibende Eindrücke hinterlässt!



