Ein vielseitiges Lesevergnügen über Migration und Integration

Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Saarpfalz-Gymnasiums stellt ihr neuestes Buch vor

Titelseite "Miteinander, nicht gegeneinander"Titelbild des preisgekrönten Buches „Miteinander,
nicht gegeneinander!“ der AG Geschichte
des Saarpfalz-Gymnasiums Homburg

„Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere Menschen! Lernt, miteinander zu leben, nicht gegeneinander!“ Diese Botschaft des Auschwitz-Überlebenden Alex Deutsch inspirierte die Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Saarpfalz-Gymnasiums zu ihrem 338-seitigen Buch „Miteinander, nicht gegeneinander!“, das kürzlich mit dem Edith-Aron-Schulpreis der Kreisstadt Homburg ausgezeichnet wurde. Es ist zugleich eine Hommage an den energischen Fürsprecher von Toleranz und Menschenwürde, der 97-jährig am 9. Februar 2011 verstorben ist. In dem reich bebilderten und mit vielen Einzeltexten gut lesbaren Buch geht um die Geschichte von Migration und Integration. Ausgewählte Beispiele über menschliches (Fehl-)Verhalten im Umgang mit Fremden sorgen in einem flüssigen und humorvollen Stil durchgängig für Nachdenklichkeit und oft auch Schmunzeln. Erwartungsgemäß ist der Ansatz historisch: Eingefangen wird die spannende Szenerie der Urzeit, der Griechen, Römer und Kelten des Altertums, des Mittelalters und der verschiedenen Phasen der Neuzeit bis hin zum gegenwärtigen Homburger Alltag im Umgang mit Italienern, Türken, Polen und Vietnamesen. Auffällig ist dabei die Vielfalt im Inhalt und in der Gestaltung. Es gibt Basistexte mit grundlegenden Informationen, aber auch eine Fülle von Vertiefungen in Form von Gedichten, Glossen und Interviews mit Prominenten. Die aussagekräftigen Fotos und herrlichen Schülerzeichnungen lockern das stattliche Buch auf und zeugen von dem enormen Fleiß der Schüler und ihres Projektlehrers Eberhard Jung. „Eine Herkules-Aufgabe zu Ehren von Alex Deutsch“, so betitelte Jung seine Einführung in das Thema. Allein die zahlreichen Interviews vermitteln schon einen guten Eindruck von dem ungeheuren Arbeitsaufwand des 12-köpfigen Redaktionsteams mit Schüler(inne)n der Klassenstufen 7 bis 12. Befragt wurden z.B. die Politiker Peter Müller, Astrid Klug, Alexander Funk, Karlheinz Schöner und Clemens Lindemann, denen man nicht nur politische Statements zur Migrations- und Integrationsdebatte, sondern auch viel Persönliches entlockte. Die spezielle Homburger Situation spiegelt sich auch wider in den Interviews mit Kontaktpolizist Thomas Clemenz, Willi Caster („Teile deine Lebensfreude!“), Birgit Rudolf, der Leiterin des Frauenbüros des Saarpfalz-Kreises, die ihr Vorzeigeprojekt „Integration-Dialog-Akzeptanz (IDA)“ in den Mittelpunkt stellt. Gudrun Siepker äußert sich über die Japaner als „Migranten auf dem deutschen Automarkt“, der ehemalige Pfarrer von Erbach, Dr. Klaus Beckmann, über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr.

RedaktionsfotoDas Redaktionsteam, v.l.n.r. (hinten:) Felix Stutz (9b), Hanna Clemenz (7b), Luca Ingrao (7b),
Alina Keßler (10c), Marcel Treskanica (7a), Kevin Bieringer (10c);
(vorn:) Annika Roth (7b), Alexander Jung (Ma 12), Thi Quynh-Anh Nguyen (7b), Eberhard Jung,
Lilly Preuße (7b) und Tim Schneider (7b)

Klaus Friedrich, der mit seinen Stadtführungen die Schüler begeisterte, stellt die saarpfälzischen Einwanderer nach Amerika in den Mittelpunkt, Iwona Wiemer den königlichen Migranten Stanislaus Leszczynski. Der Blickwinkel der Schüler reicht sehr weit: Die Antike mit ihren mythologischen Gestalten steht bei ihnen hoch im Kurs. Dädalus und Ikarus mit ihrem Flüchtlingsschicksal, Philemon und Baucis mit ihrer Gastfreundschaft, die Helden von Troja, Alexander der Große und seine gescheiterte Verschmelzungspolitik, Eindrücke von der Massenhochzeit von Susa kommen in dem Buch ebenso zur Geltung wie Namensherleitungen, etwa im Gedicht „Barbara – die Fremde“. Über Ödipus, den König mit Migrationshintergrund, wurden Holger Schröder, Dramaturg am Saarländischen Staatstheater, und Schauspieler Georg Mitterstieler, der Ödipus-Darsteller der Saarbrücker Aufführung, befragt. Die Migrationsgeschichte der Antike ist Thema von Professor Peter Robert Franke aus München, der im Vorjahr das Saarpfalz-Gymnasium zu einer Ausstellungseröffnung besuchte und dort große Sympathien fand. Sehr kritisch werden Erscheinungen des Mittelalters (Völkerwanderung, religiöse Verirrungen, Kreuzfahrer, Pest usw.) begutachtet: „Schlechte Zeit für Außenseiter (… ) und wenig Platz für Integration.“ Allerdings sorgt Till Eulenspiegel als spätmittelalterlicher Migrant für heitere Abwechslung. Den „Seefahrern der Renaissance“, harten Kerlen „mit vielen Entbehrungen, (…) oft mit der Pest an Bord“, zollt man viel Respekt, ebenso El Greco, dem spanischen Maler griechischer Herkunft. Düster ist die Szenerie der Gedichte „Glaubenskriege“ und „Sklaverei“, obwohl man  stets bemüht ist, etwas Positives mit aktuellen Bezügen abzuleiten („Obama, der erste Schwarze im Weißen Haus“). Gerade für die Homburger sehr interessant ist der Text „Die Hofmohren von Schloss Karlsberg“, deren Faszination zudem durch zwei Gedichte von Schülerinnen der 7b und ein tolles Gemälde von Alina Keßler (10c) hervorgehoben wird. Sie verleiht mit ihren kunstvollen Bildern dem Buch einen sehr ästhetischen Reiz, ihre zahlreichen Porträts haben eine beachtliche Qualität, und eines ihrer Gemälde von Philipp Jakob Siebenpfeiffer hängt inzwischen sogar im Bundeskanzleramt. Auch Schulleiter Dr. Jürgen Helwig liefert einen Beitrag, und zwar über „Deutsche als Migranten – Spurensuche in Georgien“, in dem er ein deutsch-georgisches Jugendprojekt mit Beteiligung des Saarpfalz-Gymnasiums vorstellt. Erwartungsgemäß widmet die Arbeitsgemeinschaft Geschichte der preußischen Toleranz und den hugenottischen Einwanderern viel Aufmerksamkeit, sie besuchte sogar Schloss Sanssouci, und der „Alte Fritz“ wurde mehrfach gezeichnet. Der Zeitzeugin Marianne Henn aus Homburg, die kürzlich hochbetagt starb, setzte man ein Denkmal, indem ihre Erinnerungen an „Kaiser Wilhelm II. im goldenen Käfig – die Jahre im Exil“ wiedergegeben werden. Sehr ausführlich und kreativ widmen sich die Schüler der Dichterin Mascha Kaléko („Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“), die ebenso ein Opfer des Nationalsozialismus war wie viele andere in dem Buch. Anne Frank und ihr Cousin Buddy Elias, der im Herbst das Saarpfalz-Gymnasium erneut besuchen will, hat man ganz besonders ins Herz geschlossen. Und immer wieder taucht Alex Deutsch auf: Seine Leidensgeschichte (Sklave in Auschwitz, Opfer der Rassenunruhen in den USA), seine Lebensaufgabe und die Begegnungen mit Schülern des Saarpfalz-Gymnasiums werden beschrieben, er wird in Gedichten mit Lessings Nathan dem Weisen verglichen und als Vorbild deklariert. Sein Lebensmotto „Miteinander, nicht gegeneinander!“ durchzieht das Buch leitmotivisch wie ein roter Faden.

Alexander Jungs KniefallKniefall von Alexander Jung vor dem
Warschauer Denkmal der Ghettohelden

Den größten Aktionsradius hatte der „dienstälteste Schüler der AG Geschichte“, Alexander Jung aus Kirrberg, der trotz Abiturvorbereitung viele aufwändige Interviews führte, so mit „Nazijägerin“ Beate Klarsfeld aus Paris, mit der Biografin von Oskar Schindler, Prof. Erika Rosenberg aus Buenos Aires (Argentinien), mit Franz Josef Schäfer, einem Lehrer als Arbeitsmigrant in hessischen Diensten, oder mit Klaus Clemens aus Dresden in dem umfangreichen Text „Die DDR wurde von Moskau aus ferngesteuert“. Den Beitrag seines Mitschülers Felix Stutz (9b) über die schillernde Tänzerin Mata Hari ergänzte Alexander durch sein Interview mit Dr. Annemarie Hermkes, der „Integralen Tanz- und Ausdruckstherapeutin“ in Saarbrücken. Zusammen mit einem Mitschüler unternahm er eine Fahrradtour zu Buddy Elias nach Basel, hielt sich auf den nachgebauten Kolumbusschiffen in Palos (Südspanien) auf, weilte zu Recherchezwecken in Berlin und Potsdam und bereitet sich zurzeit auf einen einjährigen Freiwilligendienst für Entwicklungshilfe in Peru, dem Land der Inkas, vor. In seinem Artikel „Meine Reise nach Polen“ beschreibt er seine Eindrücke von Auschwitz auf den Spuren von Alex Deutsch und Anne Frank, ebenso aus Warschau, wo er sich am Denkmal der Ghettohelden zum Kniefall veranlasst sah wie 1970 Bundeskanzler Willy Brandt, der spätere Friedensnobelpreisträger. Für seinen Text „Kosmische Migranten“ besuchte Alexander sogar die prominenten Weltraumfahrer Sigmund Jähn und Thomas Reiter. Dennoch widmete er sich in seinen Gedichten, die oft unter die Haut gehen, auch der kleinen Welt von „Kerbrich 1960“ oder der „Polenfrau“ Silvia, einer Pflegekraft, die in unserer Region tätig war. Solche markante Einzelschicksale findet man in dem Buch zuhauf. Da geht es z.B. um Kriegsheimkehrer 1945, um Flucht und Vertreibung, die Rumänien-Deutsche Käthe Saljo („Träumt bis ins hohe Alter!“), um „Achmet – eine Karriere“, „Kemal und Kjellar“, die tapfere Witwe Fulya, die „sympathischen Türkinnen vom Saarpfalz-Gymnasium“, die Vietnamesin Nga Nguyen, die den „Saarländischen Mundartpreis“ gewonnen hat, die Italienerin Franca, die in Bruchhof die (wissens-)hungrigen Schüler der AG Geschichte in ihrem Restaurant „La Fattoria“ zum Pizza-Essen empfing usw.

Eine ungeheure Fülle von interessanten Lebenserfahrungen wird dem Leser geboten, durchgängig illustriert mit sehenswerten Kunstwerken, die überwiegend von Alina Keßler (10c) und Marcel Treskanica (7a) stammen. Großes Kompliment! Das gilt auch für Kevin Bieringer (10c), der das komplette Buch am Computer digital aufbereitet hat, als Fotograf der Gruppe agierte und einige Texte verfasste, u.a. das Interview mit der Berlinerin Karin Manns in dem Artikel  „Alex Deutsch und das Jüdische Waisenhaus in Berlin“.

Das Buch wurde in kleiner Auflage komplett in Farbe gedruckt, ist nur im Saarpfalz-Gymnasium  und beim Herausgeber Eberhard Jung erhältlich und kostet 20 Euro.

(Aus: Homburger Heftche. Das Stadtmagazin für Homburg und Umgebung, August 2011, S. 14/15)

Gruppen: